Hirschfeld, das Patendorf der Berliner Blumenhändler

Aufruf an Berliner Blumenhändler

 

Im Berliner Beobachter vom 07.01.1936 ist ein interessanter Artikel veröffentlicht. Nachdem es in Hirschfeld keinen Blumenladen mehr gibt, sollten vielleicht einmal die Patenonkel oder die Patentanten die Blumengroßhändler der Berliner Lindenhalle an ihr Versprechen erinnert werden.

Doch zunächst einmal der von Ulrike Gerstenberg (Enkelin von Ernst Seyler) übergebene Artikel:

Besuch auf dem Schraden

Das Patendorf der Blumenhändler

Kürzlich haben die Berliner Blumengroßhändler ein uraltes Dorf im sogenannten Schraden zum Patendorf gewählt. Die Blumengroßhändler der Lindenhalle haben dem Dorf Hirschfeld eine Hitler-Eiche geschenkt und einen Schmuckplatz eingerichtet. Sie haben es übernommen, jahrein, jahraus für die Instandhaltung des Schmuckplatzes Sorge zu tragen.

Der Schraden birgt einige der unbekanntesten Ortschaften. Hier wurden noch im Jahre 1470 heidnischen Göttern Opfer gebracht. Hier wird noch heute eine Mundart gesprochen, die man sonst nirgends in Deutschland kennt.

 

„Was kösten de Dauben?!“  (Was kosten die Tauben?!)  - „Nu, Friede, woos moachst denn du uffe dem Markt?!“ (Nun, Frieda, was tust du auf dem Markt?!) – „Ech höre mär Dauben geköfft!“ (Ich habe mir Tauben gekauft.) – „Woos kust denn´s Stick, wenn mär fräun derf?!“ (Was kostet denn das Stück, wenn man sich erkundigen darf?!) –„ Ene Mark, fartch is´s Geschäft!“

Ihre eigene Mundart und ihre eigene Ausdrucksform haben die Hirschfelder. Den Wagen bezeichnen sie als „Wäun“, für sagen gebrauchen sie das Wort „säun“. Wenn einer vorbeigeht, der das Grüßen vergessen hat, machen wir die Bemerkung: „Er hat mich nicht gegrüßt!“ In Hirschfeld auf dem Schraden sagen die Dorfbewohner dagegen: „Er grüßt sich nicht vor mir!“.

Die Pantinen bleiben vor der Tür

In Hirschfeld, weit ab der großen Durchgangsstraße von Berlin nach Dresden, etwa dreißig Kilometer von Bad Liebenwerda entfernt, sind heute noch ‚Sitten und Gebräuche zu Hause, die uns fremd erscheinen. Die Kinder sprechen zu den Eltern in der dritten Person, sagen nicht „Du“ zum Vater, sondern „Sie“. Über die Mädchen des Dorfes wachen die jungen Burschen eifersüchtig, jeder fremde Freier wird mit MIßtrauen beobachtet und als „Ortsfeind“ betrachtet.

Die vom Bäcker gekauften Schrippen tragen in Hirschfeld zwei Schlitze auf dem Rücken, während sie sonst nur einen aufweisen. Sauber sind die Dorfbewohner von Hirschfeld, das muß man ihnen lassen: Ob Sommer oder Winter, die Holzpantinen werden vor der Tür abgestellt, bleiben draußen stehen und Kinder wie Erwachsene betreten die Räume des Hauses nur in Strümpfen.Wenn Besuch am Alltag kommt, vermag man an der Anzahl der Pantinenpaare die Zahl der Gäste zu erraten.

Nur die Burschen sitzen

In der Stadt ist es selbstverständlich, daß den Frauen und Mädchen von den Männern Plätze eingeräumt werden, wenn man sich im Tanzsaal befindet. Nicht so auf dem Schraden. Alter Brauch ist es hier, daß die Männer und Burschen auf der einen Seite des Tanzsaales sitzen. Die andere Seite wird von den Müttern der tanzfreudigen Schönen eingenommen. Die Mädel selber stehen während der ganzen Dauer des „Vergnügens“, nur auf dem Schoß der Mütter dürfen sie Platz nehmen, und die Verheirateten auf den Knien des Mannes.

Wenn eine Hochzeit stattfindet, muß der Bräutigam die Braut erst „auslösen“, das heißt, eine ihm ins Haus getragene Puppe „freikaufen“. Zwei Stühle werden dann mit einem Kranz umflochten und zusammengebunden. Auf diesen Stühlen nimmt das Brautpaar Platz. Soweit kirchliche Trauungen stattfinden, werden die Stühle in die Kirche getragen, sonst vor den Standesbeamten. Gleich nach der Eheschließung werden die Stühle von zwei Mädchen im Eilschritt weggetragen und an der Hochzeitstafel aufgestellt. Unterwegs dürfen sie nirgends abgesetzt werden, sonst würde Unheil die junge Ehe bedrohen.

Hirschfeld ist auf dem Schraden als letztes heidnisches Dorf in Deutschland bekannt. Noch im Jahre 1470 fanden auf einem Berge bei Hirschfeld heidnische opfer statt. In einem alten Kirchenbuch sind noch heute Urkunden hierüber enthalten. Vor kurzer Zeit wurde bei der Ausschachtung eines Hausgrundstückes eine alte Feuerstätte aufgefunden, anderthalb Meter im Durchmesser weit. Diese Opferstätte befand sich in zweieinhalb Meter Tiefe, sie enthielt noch Asche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Die Steine rings um die eigentliche Feuerstelle waren ringförmig angeordnet. Sie wurden allerdings auseinandergerissen, so daß von dieserletzten heidnischen Opferstätte nur wenig mehr als der Platz selbst vorhanden ist.

Kunath, der Dreiundzwanzigste

Der Schraden liegt zwischen den ‚Ausläufern des Fläming und den Lausitzer Bergen, in einem Gebiet, indem vor Jahrhunderten viele Wenden gewohnt haben. Die Einwohner von Hirschfeld und einer Handvoll andrer Dörfer jedoch sind süddeutschen Ursprungs, im zehnten und im elften Jahrhundert aus Franken und aus Hessen eingewandert. In der Mundart der Schradenbewohner wird Hirschfeld als “Heerschfeld“ ausgesprochen. Der Name des Dorfes ist von den Ortsnamen Hersfeld (bei Kassel) abgeleitet worden

Alte hessische Familiennamen sind auf die heutige Zeit überliefert worden. Am häufigsten komm4en die Familien Klemm und Kunath vor. Zur Unterscheidung der Familien sind den Trägern dieser Namen amtlich Gruppenbezeichnungen verliehen worden. Aus den Veröffentlichungen der Spar- und ‚‘Darlehendkasase beispielsweise geht hervor, daß es eine Familie Kunath Nummer dreiundzwanzig und eine Familie Klemm Nummer fünfzehn gibt. Wenn Willi Kunath zu Weihnachten von der Spoarkasse zwanzig Mark abhebt, unterzeichnet er die Empfangsbestätigung mit dem Namen: „Kunath XIV“ während Walter Kunath zu der Familie „Kunath VII“ gehört.

Hirschfelds älteste Bauernstube

Mitten zwi8schen spätgebauten Häusern liegt eins der schmalen alten Bauernhäuser, in dem schon Generationen groß geworden sind. Fast möchte man glauben, das ganze ÄAnwesen stände unter Denkmalsschutz. In dem einzigen Raum hängt noch die Petroleumlampe, die Dielen und die Tische sind gleichmäßig weiß gescheuert. Auf dem Bett türmen sich dick die Fededecken, und die Bäuerin kocht an dem merkwürdigen eisernen Ofen

Achtzig Jahre hat der alte Bauer hinter sich gebracht, aber heute noch läßt er es sich nicht nehmen, für seine Frau das Wasser eigenhändig vom Brunnen zu holen.Und sie hält nichts von den „neumodischen“ Butterschleudern, wie eine Zwanzigjährige arbeitet die Alte behende am Butterfrass des Jahres 1867. Karl Kunath erzählt von der Zeit, als die Mädchen des Dorfes nur eingewanderte Hessen, Franken, Thüringer oder Schsen heiraten durften und man von den Wenden  Behaupteten, diese taugten nicht zu harter Feldarbeit.Zu dieser Zeit hatte Hirschfeld sogar noch zwei Ortsrichter, einer für die Franken, den anderen für die Sachsen. Für ein Pferd zahlte man damals fünf Taler, für ein Schwein einen Gulden, und die Frauen trugen damals kurzgeschnittene Haare.

„Als vor zwölf Jahren der Bubikopf kam, war es für uns vom Schraden nichts Neues. Unsere Frauen haben ihn schon getragen, als in Sachsen August der Starke regierte“.     h.d.

 

Wenn andere Kommunen Darlehen von Berlin zurückfordern, ist es wohl nur gerecht wenn wir die Berliner an ihr Versprechen bezüglich des Schmuckplatzes zu erinnern. Ich gehe davon aus, daß mit dem Schmuckplatz der Platz am Kirchhofeingang neben dem Jugendclub gemeint ist. Falls jemand Erkentnisse zu dem Artikel hat bitte entweder mir oder dem Heimatverein Hirschfeld zukommen lassen. Die zwei im Artikel eingebauten Fotos mit dem Nachtwächter bzw. den Holzpantinen sind für eine Veröffentlichung nicht geeignet. Eventuell hat ja noch jemand den Berliner Beobachter im Original, da könnten dann  die Fotos veröffentlicht werden. Auch von Erfahrungen bezüglich der Instandhaltung des Schmuckplatzes wären interessant.

Weitere Artikel die Gemeinde Hirschfeld betreffend natürlich auch.

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Hirschfeld
So, 21. April 2013

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